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Kambodscha – Flug in die rohe und kantige Perle

26. April 2012 2.426 Leser 0 Kommentare

@flickr_infanticida/7046098001Begonnen hat alles mit einer Reportage im Fernsehen. Die Kamera streifte über grüne Reisfelder, von der Sonne gebräunte Reispflücker, die diesen eigenartig melancholischen Ausdruck in den Augen hatten. Egal ob sie lachten, arbeiteten oder mit ihrer Familie aßen – dieser Ausdruck verschwand nicht. Der Bericht zeichnete das Bild eines atemberaubend schönen Landes, dessen Bevölkerung viel und lang gelitten hatte. Damit begann Kambodscha eine eigenartige Anziehungskraft auf mich auszuüben. Ich wollte dort hin.

Lesen, impfen, wieder lesen, Rucksack packen, wieder auspacken, lesen, kleineren Rucksack nehmen

Sechs Wochen wollten meine beste Freundin und ich auf die Reise durch Südostasien gehen. Los ging es mit den Flugtickets. Diese haben wir gut ein halbes Jahr vor Reiseantritt gebucht. Ungefähr um die gleiche Zeit haben wir damit begonnen Bücher und Reiseblogs im Internet zu verschlingen. Das steigerte die Vorfreude zusätzlich. Besonders gefallen hat mir ein Buch von Andreas Altmann. „Der Preis der Leichtigkeit – Eine Reise durch Thailand, Kambodscha und Vietnam“ liefert ein sehr authentisches Bild von Land und Leuten und regt außerdem dazu an eigene Vorstellungen und Vorurteile zu überdenken. In jedem Fall sollte man abklären, ob der eigene Impfstatus auf dem aktuellsten Stand ist. Tollwut und Hepatitis B sind Standardimpfungen, wenn man 6 Wochen nach Südostasien möchte. Eine Impfberatung bekommt man in jeder größeren Stadt am ansässigen Institut für Tropen- und Infektionsmedizin. Ganz billig sind die Impfungen nicht. Aber meine Krankenkasse hat mir sämtliche Impfkosten zurückerstattet. Einfach mal bei der Kasse nachfragen.

Wir haben uns keines der Visa im Voraus besorgt. Alle erforderlichen Visa gibt es deutlich günstiger beim Grenzübertritt zum jeweiligen Land. Genaue Visabestimmungen und -regeln haben wir auf der Homepage des Auswärtigen Amts nachgelesen. Dort findet man ausführliche Reiseinformationen zu jedem Land der Erde. Nachdem alle Formalitäten erledigt waren und der Abflugtermin näher rückte, stellte das Rucksackpacken eine echte Herausforderung dar. Gerade wenn das die erste längere Reise ist, fragt man sich: Was soll ich alles mitnehmen? Die Antwort: So wenig wie möglich! Kleidung und Hygieneartikel gibt es dort zu kaufen – häufig sogar deutlich preisgünstiger als in Deutschland. Waschmaschinen sind in jedem Guest House (Unterkünfte, die vor allen Dingen von Backpackern genutzt werden) vorhanden.

Sehr empfehlenswert sind allerdings folgende Dinge: feste, robuste Wanderschuhe, ein Regencape, ein Schlafsackinlay aus ägyptischer Baumwolle, ein Mückennetz, ein Mikrofaserhandtuch und eine Reiseapotheke.

Wie, ihr habt nix gebucht? Ihr fahrt da einfach so hin?

Für unsere Eltern unbegreiflich. Für uns gemütlich und stressfrei! Südostasien ist dafür bekannt, sich besonders für Backpacker zu eignen. Tourismus ist gerade in Thailand, Vietnam, Kambodscha und Laos die Haupteinnahmequelle, deswegen reiht sich ein Guest House an das nächste. Eine Schlafmöglichkeit findet man also immer. Man muss sich nur entscheiden, welchen Standard man bevorzugt.

Hitze, Regen, Sonne – Treibhausatmosphäre

außergewöhnliche Reiseziele: Kambodscha

© Caroline Elz

Als richtige Backpacker hatte wir natürliche einen „Lonely Planet“ dabei. Aber im Nachhinein empfehle ich einen Reiseführer von Stefan Loose. Gerade für Individualreisende haben sie einiges zu Themen wie Ökotourismus und „nachhaltiges Reisen“ zu bieten.
Noch ein Wort zum Wetter. In Kambodscha ist es aufgrund des Monsunklimas das ganze Jahr über heiß. Von Mai bis September/ Oktober ist Regenzeit, da kann das Wasser schon mal sturzbachartig vom Himmel regnen. Wir haben uns getraut und sind Ende August nach Kambodscha gereist und wurden belohnt. Trotz Regenzeit blieb es trocken.
Das Klima ist ohne Frage gewöhnungsbedürftig. Wir hatten uns bereits nach ein paar Stunden daran gewöhnt. Tatsächlich ist es am ehesten mit einem Besuch im Tropenhaus eines botanischen Gartens zu vergleichen. Das Wetter hat fast einen tiefen entspannenden Effekt, weil man sich schlicht seinem Diktat beugen muss. Will sagen: Alles in Kambodscha wird ein wenig langsamer und bedächtiger erledigt. Wenn man sich von diesem Geist inspirieren lässt, eröffnen sich einem als gestresster und gehetzter „Westler“ neue Welten.

Endlich da und schon die erste Prüfung bestehen

Gelandet sind wir in Bangkok. Von dort ging es dann weiter mit dem Zug an die kambodschanische Grenze. Wir haben uns dafür entschieden die Grenze bei Aranyaprathet – Poipet zu überqueren. Eigentlich wäre der Grenzübertritt eine einfache Sache gewesen: Von Aranyaprathet 7 km bis zur Grenze, rüber, da! Aber auf der Strecke lauern überall Tuk Tuk-Fahrer, die ahnungslose Touristen zu einer eigens von ihnen errichteten Grenze fahren und ihnen dort ein völlig überteuertes Visum verkaufen. So ist es auch uns geschehen. Das Visum hat uns so also 40 USD anstatt der üblichen 20 USD gekostet. Nachdem man uns übers Ohr gehauen hatte, wurden wir zur tatsächlichen Grenze gefahren. Aber wir haben daraus gelernt. In den sechs Wochen sind wir zu wahren Handel- und Feilschköniginnen geworden. Nach und nach bekommt man auch ein Gefühl dafür, wer es ehrlich meint und bei wem man lieber etwas vorsichtiger sein sollte. Fakt ist: Das ist kein kambodschanisches oder thailändischen Phänomen, sondern gibt es an vielen Orten, an denen Armut herrscht und Touristen eine willkommene Einnahmequelle darstellen. Noch ein kleiner Tipp: Wir haben lieber in der Landeswährung Riel gezahlt. Ich fand die Vorstellung eigenartig in ein fremdes Land zunfahren und dort mit einer wiederum fremden Währung (USD) zu zahlen. Genommen wird in Kambodscha aber beides: Riel und USD.

Im kambodschanischen Kamikaze-Taxi nach Siem Reap

Beim Grenzübertritt lernten wir sogleich zwei junge Männer aus Köln kennen. Weil wir uns auf Anhieb gut verstanden, ging es zusammen in einem Taxi weiter nach Siem Reap. Das Netz öffentlicher Verkehrsmittel ist in Kambodscha nur partiell ausgebaut. Die Kambodschaner fahren meist dicht gedrängt hinten auf der Ladefläche eines Pick-Ups in die nächste größere Stadt. Die Busse, die es gibt, werden hauptsächlich von Touristen genutzt. Das Unterhaltungsprogramm in den Bussen ist allerdings ganz nach kambodschanischem Geschmack. Die ganze Fahrt über lauscht man lauter kambodschanischer Karaoke. Kann nerven, wenn man schlafen möchte. Sonst ist es aber wahnsinnig witzig und ein interessantes Kultur- und Unterhaltungsprogramm. Die kambodschanische Fahrweise lässt sich mit einem Wort umschreiben – Kamikaze. Eine einspurige Straße mit Gegenfahrbahn hat auf einmal vier Spuren. Wenn das nicht reicht, wird auf die Gegenspur ausgewichen. Bedrohung und Lebensfreude reichen sich in diesem Land die Hand.

Siem Reap

außergewöhnliche Reiseziele: Kambodscha

© Caroline Elz

Siem Reap ist die Stadt bei Angkor Wat, den weltberühmten Tempelanlagen. Dementsprechend touristisch geht es dort zu. Die wichtigsten Tempel haben wir uns an einem Tag angeschaut. Man kann sich aber auch ein Ticket für drei Tage kaufen. Die Anlage ist wirklich sehenswert und sehr beeindruckend, wenn man sich vor Augen führt, dass sie im 12. Jh. entstanden ist. Den Rest der Zeit haben wir damit verbracht, mit Fahrrädern Siem Reap und die Umgebung zu erkunden. Wir wollten etwas sehen, das uns einen authentischen Einblick in die kambodschanischen Lebensverhältnisse gewährt. Kambodscha ist ein sehr armes Land mit einer noch immer hohen Kindersterblichkeit. Wir haben aus persönlichem Interesse ein paar Krankenhäuser besucht und mit den dort arbeitenden Ärzten gesprochen. So konnten wir einiges über die Lebensbedingungen der Kambodschaner erfahren. Die Versorgung mit sauberem Trinkwasser ist nach wie vor, besonders für die Landbevölkerung, ein Problem. Außerdem kümmern sich viele Hilfsorganisationen um die hygienische Aufklärung der Bevölkerung (regelmäßiges Händewaschen, das Reinigen der Speisen vor dem Verzehr). An bettelnde Kinder und Straßenverkäufer, die höchstens 8 Jahre alt sind, gewöhnten wir uns schnell. Allerdings – das steht auch in jedem Reiseführer – bloß nicht von den Kindern kaufen. Wenn die Kinder nach Hause kommen ohne etwas verkauft zu haben, werden sie von ihren Eltern eher in die Schule geschickt, als wenn sie ein gutes Geschäft machen.

Phnom Penh

Mit dem Nachtbus ging es nach ein paar Tagen in Siem Reap weiter nach Phnom Penh, die Hauptstadt Kambodschas. Der Stadt ist der einstige französische Einfluss noch deutlich anzumerken. Gerade die Gebäude an der langen Promenade direkt am Mekong, dem größten Fluss Südostasiens, erinnern an französische Bauten des 19. Jahrhunderts. Phnom Penh bietet eine Menge für Touristen. Sowohl skurriles, als auch sehr authentisches. Da wir uns besonders für die kambodschanische Geschichte interessierten, haben wir uns auf die Spuren der sogenannten „Killing Fields“ begeben. Kambodscha wurde von 1975 – 1979 von den Roten Khmer regiert, die einen beispiellosen Massenmord an der kambodschanischen Bevölkerung verübten. Die gesamte Stadtbevölkerung Phnom Penhs wurde seinerzeit in Arbeitslager auf dem Land deportiert. Über 200.000 Menschen wurden brutal ermordet oder arbeiteten sich in den Lagern zu Tode. Wir haben uns das berüchtigte Gefängnis Tuol Sleng (S-21) angeschaut und besuchten eine der berühmtesten Stätten der „Killing Fields“: Choeung Ek. Definitiv nichts für schwache Nerven. Aber unumgänglich um die Mentalität und den Zustand des Landes zu begreifen. Sehr empfehlen kann ich das Buch: „Abschied von den Killing Fields“ von Manfred Rohde, eine sehr detaillierte und analytisch kluge Beschreibung der kambodschanischen Geschichte und Politik. Außerdem sehr lesenswert ist der autobiographische Bericht „Der weite Weg der Hoffnung“ von Loung Ung, die als Fünfjährige mit ihren Eltern aus Phnom Penh vertrieben wurde und sehr drastisch und realistisch das „Überleben“ unter der Roten Khmer beschreibt.

Sihanoukville

außergewöhnliche Reiseziele: Kambodscha

© Caroline Elz

Nach der doch recht intensiven Zeit in Phnom Penh ging es an die Küste nach Sihanoukville, eine kleine Hafenstadt am Golf von Siam. Wunderbar zum Abschalten und Entspannen. Wenn man ein kleines Fleckchen am Strand gefunden hat, an dem einen keine Strandverkäufer finden können, möchte man gar nicht weg. Die Verkäufer an den „Touristenstränden“ sind hartnäckig und mit der Zeit können sie einem ganz schon auf die Nerven gehen. Auf dem Weg in die Innenstadt, vom Independence Beach kommend, findet man einen kleinen Buchladen. „Mister Heinz Books“ ist eine Oase der Ruhe. Dort gibt es über 6000 Bücher in 10 verschiedenen Sprachen. Romane, Bücher über Kambodscha und schöne Fotobände laden zum stöbern ein. Das Personal ist wunderbar entspannt und man kann Kaffee oder Tee trinken.

Apropos Essen und Trinken

Der kambodschanischen Küche wird nachgesagt, sie hätte bei den Nachbarn, besonders Thailand, Laos und Vietnam abgeschaut. Fakt ist, dass die kambodschanische Küche weniger scharf und exotisch ist, als die ihrer Nachbarn. Nichtsdestotrotz sollte man zum Beispiel „Amok“ probieren, ein Currygericht, dass oft in einer ausgehöhlten Kokosnuss gereicht wird. Lecker und sehr erfrischend ist außerdem Zuckerrohrsaft, zu kaufen in allen Straßen bei den kleinen Wagen mit den großen Kurbeln.

Zu guter Letzt

Kambodscha ist zweifelsohne ein harter Brocken. Aber es ist auch ein wundervoll reiches Land. Wir sind während unserer Reise vielen sehr liebenswerten Kambodschanern begegnet, die uns bereitwillig und offen von den Problemen ihres Landes berichtet haben und denen wir ganz unverfänglich unsere Eindrücke schildern konnten. Um ehrlich zu sein, war ich oft fasziniert und abgestoßen zur selben Zeit. Fest steht, das war nicht mein letzter Besuch in diesem schön schaurigen Land.

Caroline Elz

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