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Georgien

4. August 2010 1.094 Leser 0 Kommentare

georgien flaggenman 300x150 Georgien Möchte man nach Georgien, wird man gleich zu Hause im Umkreis der Freunde und Familie verhört. “Wieso willst du denn nach Georgien? Ja, aber wieso ausgerechnet in das Land? Wie lange willst du bleiben? Bei wem? Wen kennst du da?” Es kommt einem schon vor, als wäre man bereits in Tbilisi am Flughafen gelandet und von Grenzbeamten ausgefragt. Obwohl man mit solchen Aussagen besser aufpasst und keine falsche Stereotypen weiter verbreitet – für einen Deutschen wäre das nicht einmal der Fall -, gewiss gibt es auch heute noch Ausnahmefälle. Hat man zum Beispiel einen russischen Pass, muss man nicht nur einen lästigen Formular ausfüllen, um sich für die Paar Tage ein Visum kaufen zu können, sondern auch die musternden, misstrauischen Blicke der Flughafenangestellten hinnehmen. So oder so, mit oder ohne Visum, auf jeden Fall mit einem Stempel im Pass kommt man dann letztendlich durch und ins Land rein.

Georgien Kobuletistrasse 300x225 Georgien Die Anreise ist nicht so kompliziert, wie es sich zum ersten Mal vielleicht anhört. Mit einem Transferflug Berlin-Riga-Tbilisi hat man es relativ schnell bis zum Rande der georgischen Hauptstadt geschafft. Hoch lebe Air Baltic und die gerade so noch bezahlbare Angebote der Fluggesellschaft. Bei uns hieß es dann aber noch um 5Uhr früh: “Rein in den Minibus!”, unsere Endstation war nämlich Kobuleti, die Bezirkshauptstadt von Adscharien an der Westküste von Georgien, an der Ostküste vom Schwarzen Meer.

Fährt man zu dieser Uhrzeit durch die Hauptstadt Tbilisi erkennt man sofort: die Menschen schlafen zwar, die Stadt pulsiert aber. Eine einzigartige Mischung aus den ganz alten, etwas heruntergekommenen aber bezaubernden Häusern sowie den vereinzelnt bereits vorfindbaren modernen Gebauten. Die neue “Brücke des Friedens” ist das beste Beispiel dafür. Zuerst fragt man sich, was zum Henker so eine Brücke in der Umgebung verloren hat, aber letztendlich gibt genau sowas ein Gesicht der Stadt und wird sich schnell als Wahrzeichen der Stadt etablieren.

Je weiter man aus der Stadt rausfährt, desto eindeutiger zeichnet sich das Bild des Landes aus. Armut gehört auch in Georigen zu den Alltagsprobleme der Menschen. Auf unserem Weg fahren wir bei den Häusern der Flüchtlinge und/oder IDPs an dem einen Ende von Tbilisi vorbei. Die Regierung hat die kleinen Hütten zwar zur Verfügung gestellt, aber dies darf bei weitem nicht als Lösung angesehen werden. Am Straßenrand stehen Tiere rum- meistens riesige Kühe – und stillen ihren Hunger mit dem noch übrig geblibenem Gras. Verliert sich eine auf die Straße, scheint es auch völlig in Ordnung zu sein. “Sie sind für mich zwar nicht heilig, aber sie umfahren kann ich ja trotzdem noch.” – so unser Fahrer, als ich ihn darauf anspreche.

Kobuleti liegt unweit von Batumi. Batumi ist eine etwas größere Stadt, die unter Touristen auch beliebt ist. Direktflüge von Istanbul aus machen es einem einfach, in die Stadt zu gelangen. Unser Bus richtung Kobuleti wackelt auf der Straße immer stärker und wir wackeln mit. Mein Kopf knallt gegen das Fenster und somit bin ich gezwugen überrascht aufzuwachen. Ich schau auf meine Uhr, rechne meine Berliner- in Kobuleti-Zeit um und stelle gleich mal 2 Sachen fest: ich mag es immer weniger, die Rolle eines Zitterpuddings spielen zu müssen und wir brauchen wahrscheinlich noch etwas länger bis wir angekommen sind. Umso größer ist meine Überraschung, als wir in den Vorderhof eines Einfamilienhauses einbiegen.

Egal wie alt man ist, von den Eltern bekommt man so oder so die schon längst veraltete Sprüche zu hören: “Pass gut auf dich auf, ok?”, “Vergiss nicht deine Medikamente mitzunehmen! Zumindest Aspirin, falls du Fieber haben sollst!”, “Bleibe nicht allzu lange auf der Sonne und creme dich immer ein!”, “Hast du alles?” Für uns ist es eigentlich egal, was sie da so rumschwätzen, wir nicken “Ja, mach ich”, aber eigentlich denkt man sich nur “Ja, mach ich sowieso nicht, jetzt muss ich aber los.”

kobuletistrand 300x225 Georgien In Kobuleti habe ich von Zeit zu Zeit immer wieder vor mich hinlachen müssen, als ich in Situationen geraten bin, wo ich mir gedacht habe “Mensch, hätte ich bloss auf sie gehört…” Hat man tierische Angst vor Hunden, sollte man darauf verzichten, auf Kobuletis Straßen oder gar der See entlang allein sich länger rumzuirren. Die armen hungrigen Vierbeiner sind so einsam und traurig, dass sie einem sogar ins Wasser folgen. Obwohl sie nur spielen wollen und nicht gefährlich sind, beruhigt das mich erst dann, wenn zwischen uns ein Zaun festgemauert steht. Am ersten Tag auf dem Beach kann man zwar gleich schwimmen gehen und sich im gerade angenehmen, himmlisch kalten Wasser abkühlen lassen. Vor lauter Müdigkeit danach in der Sonne liegend einfach einzuschlafen, davon würde ich jedoch jeden abraten. Zwei Stündchen sind mehr als genug, damit man danach wie ein Steak aufwacht, der richtig durch ist – allerdings nur von der einen Seite.

Georgien Kobuleti Chickenfrau 300x225 Georgien Ist man westlich genug aufgewachsen, wird man die Augen weit öffnen müssen, wenn man der einen oder anderen “Hühnchenfrau” auf dem Weg begegnet. Der Markt – halbwegs unter Dach, halbwegs noch im Freien – ist ein Ort der Ruhe. Kaum jemand schlendert den Pfaden herunter. Man kommt sich vor, wie der Elephant im Porzelanladen. Die einheimischen Verkäufer schauen einem dabei zu, wie wir, die Ausländer, uns auf dem Weg durcharbeiten. Versucht man sich mit dem Englischen, erntet man nur verblüffte und ratlose Blicke. Ist man dem Russischen mächtig, wird man – den Vorurteilen gegenüber – überall herzlich empfangen und sofort weitergeholfen.

Insgesamt war die ganze Fahrt an sich eine unglaubliche Erfahrung. Die Gastfreundschaft mit der man uns überall empfangen hat, die einfache aber umso herzlichere Menschen – all das hat mich öfters an Bosnien-Herzegowina und an meine Fahrt nach Sarajevo erinnert. Ein Land, wo die Leute genauso wenig zum Leben und trotzdem immer ein Lächeln für den Besuchern übrig haben.

Eines liegt fest, die Hauptstadt Tbilisi (oder auch Tifilis) darf man sich auch nicht entgehen lassen. Ich werde also auch bald nochmal bei Air Baltic buchen müssen.

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