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Mit dem Zug nach Ungarn

31. Mai 2010 5.748 Leser 4 Kommentare

Europaspezial – Sparnights lautet das Angebot. Als meine Freundin uns davon berichtet, haben wir aber anscheinend was komplett anderes im Kopf. „Special nights für wenig Geld?“ – fragen wir sie. Aber mit dem Rotampel-Viertel und legalem Grasverzehren, gehen wir in eine etwas andere Richtung. „Nein, nicht die Niederlande… Amsterdam doch nicht! Ich will nach Ungarn fahren!“ sagt sie.

Ich gucke etwas verwundert, kann nicht gleich einordnen, wieso jemand so gerne nach Ungarn fahren möchte, wenn er schon die ganzen anderen Ländern der Welt auch zur Auswahl hat.

Die meisten lassen sich aber schnell überzeugen, dass wir nicht die niederländische Art des Vergnügens mit in die Reise einplanen. Nicht die Art von Spezial. In ihrer Vorstellung, in der von einem Ausländer eben, der noch nie in Ungarn war, wartet jetzt Folgendes auf uns: Puszta, Gulaschsuppe, Badeurlaub, Plattensee, Paprika und das Land der billigen Dienstleistungen, wo Papa hinfährt, um die Zähnen behandeln, Mama um die Haare machen zu lassen und jeder ihrer Freunde, um Party feiern und „die Sau ordentlich rauslassen“ zu können. Als eine Ungarin in Deutschland, tut man sich etwas schwer damit, wieder nach Hause zu fahren. Die Sachen, die man die Grenze überquerend hinter sich lässt, warten nämlich mit Ausdauer auf einen. Die Prüfungen, die Pflichten, die Freunde und Familie, bei denen man sich schon seit Tagen oder gar Wochen wieder nicht gemeldet hatte.

Einen Reisebericht über das eigene Land schreiben, ist nie einfach. Man denkt objektiv sein zu können und sagt sich: „Ach was, Professionalität muss her…“ Ich habe es versucht, habe mehrmals versagt. Hier folgt Versuch Nr.5.

Nagykanizsa

Im südlichen Teil von Ungarn verbreitet sich Nagykanizsa auf einem bloß 148 km² großen Gebiet. Mit 52.000 Einwohnern steht sie nirgends auf der Liste der großen Städten Ungarns. Dafür ist sie aber Nr.1 auf der der am gastfreundschaftlichsten. Die anderen sind begeistert. Jedem fällt was anderes auf: „Dein Papa war heute so cool! Am Frühstückstisch hält er eine Flasche Pálinka in der Hand und lächelt über meinen verwunderten Gesicht vor sich hin. Ich hab bereits davon gehört. Es soll etwa 50% Alkoholgehalt haben und typisch ungarisch sein. Ich habe nur nicht geahnt, dass es sooo typische wäre!“; „Esst ihr wirklich jeden Tag Salamibrot mit Paprika?“; „Was ist das Rote da in der Tube, was wie ungarischer Ketchup aussieht?“; „Wieso duscht ihr am Abend? Und wieso haben mehrere eine Badewanneals eine Dusche?“

Ich versuche also das stereotypen geprägtes Bild etwas in die Breite zu ziehen und erkläre: „Ach komm! Mein Papa trinkt nur dann ein Kupica (=Shot-Glas) Pälinka, wenn er eben Hals- oder Zahn-, Bauch-, Magen- oder Kopfschmerzen hat. Gegen all dies sei es nämlich eine prima Medizin und bewirke Wunder. „Auf dem Frühstückstisch steht zwar in der Regel schon Salami und Paprika, aber mein Bruder z.B. ißt Nutella-, meine Mama Honigbrot und meine Freundinnen Yoghurt.“, „Das rote Gold in der Ketchuptube ist Piros Arany, oder einfacher Paprikapüree als Aufstrich.“, „In Ungarn duscht man vor dem Ins-Bett-Gehen, weil es sich so im frisch bezogenen Bett besser anfühlt.“

Nagykanizsa, eine Stadt heute an der Grenze zu Kroatien, ist es gewohnt, Ausländer vor Ort zu haben. Viele sprechen kroatisch, deutsch, die Älteren russisch, die Jüngeren englisch. Aber selbst wenn nur geringe Sprachkenntnisse vorliegen, bringt man´s mit Hilfe von Activity-moves auf den Punkt. Sehenswert ist der See Csónakázó tó mit der wunderbaren Natur um herum, die neu gegründete Hochschule, das Kombibad, wo in der Halle die Bahne garantiert eingezogen sind und somit eine selbst für Sportler angenehme Atmosphäre zum Entspannen gesichert ist.

Pécs

Europas Kulturhauptstadt 2010 liegt 150km weit weg von Nagykanizsa. Wir fahren also 3,5 Stunden mit dem Zug dahin. Einige denken etwas melankolisch an die „Balatonzüge mit Ledersitzen“ ihrer Kindheit zurück, wo man selbst nach 5 Minuten im Sommer kleben bleibt. Niemand kann einem leichten Lächeln widerstehen, wenn ich bemerke, dass die auch heute noch dem Balaton entlang fahren und die Touris und Partygänger bei jedem Busch stehen bleibend mit sich schleppen.

Pecs ist eine richtige Universitätstadt mit 157.000 Einwohnern und 32.000 Studenten, die während der Semesterzeit die Hügel vom Mecsek-Gebirge rocken. Besonderheiten der Bildung in der Stadt sind die deutsch- sowie die englischsprachigen Studiengänge der Medizinischen Fakultät, wo jährlich mehrere Hunderte von Ausländern, die Möglichkeit erhalten, sich zu Weltklasseärtzen ausbilden zu lassen.

Die Universität Pecs oder wie es auf ungarisch heißt, die Pécsi Tudományegyetem prägt somit eindeutig das Profil der Stadt. Das tut sie aber genauso, wie ihre eigene Geschichte. Bis dato trägt Pécs ein Zeichen der wiedersprüchlichen Komplementarität an sich. Die türkische Moschee (Pécsi Dzsámi)

und die katholische Kirche (Pécsi székesegyház) gelten als die zwei Symbole der Stadt. Die Mentalität der Stadt setzt sich aus denen ihrer Einwohner zusammen. Eine Gruppe von Menschen, die über die verschiedensten kulturellen Hintergründen verfügen: die deutsche Minderheit, die kroatische Minderheit, die Roma Minderheit, die Ausländer, die alle für eine kürzere oder etwas längere Zeit zusammen die (ungarische) Bevölkerung bilden.

Pécs ist berühmt für die kulturellen Überreste, die mit der Zeit auf den verschiedensten Stellen der Stadt zur Tage kommen, für die Minderheiten-Gymnasien mit Unterricht auf Muttersprache, sprich auf Deutsch, oder Roma.

Für des rege Theaterleben und das Theatergebäude selbst (Pécsi Nemzeti Színház), für das erfolgreiche Frauenbasketballteam MIZO PECS 2010, für die begabten Nachwuchschwimmer wie Jakabos Zsuzsanna, für ihren Status als Kulturhauptstadt Europas 2010, für PEN (Pécsi Egyetemi Napok), das Festival der Studenten, das mittlerweile die Größe und Popularität einer Veranstaltung wie SZIGET erreicht.

Budapest

Nach den hektischen Tagen und Feiern in Pécs bleibt uns nicht viel Zeit übrig die Hauptstadt zu erkunden. Weil es von der ersten Minute allen bewusst zu sein scheint, dass wie eins unserer Ungarnsongs sagt: „Pest ist halt mindenstens eine Nacht wert …“ beschliessen wir nochmal zu kommen und die Kenntnisse unseren Freundeskreises nicht beim Niveau zu belassen, das bei einigen schon angsteinjagend ist. Sei hier nur das Schreckbeispiel der blonden Ami-Frau aus dem TV-Show erwähnt, die sich einfach nicht überzeugen lassen will, dass Europa kein Land ist.

4 Kommentare »

  • mambaci meint:

    Ein netter Bericht, der Lust macht, das Land zu erkunden.

  • Anna meint:

    Budapest habe ich öfters mal besucht und bin immer noch verliebt. Jetzt werde ich anscheinend nach Südungarn fahren müssen!

  • Max B meint:

    Hallo, ich habe auch vor nächstes Jahr für 6 Wochen durch Ungarn zu reisen und informiere mich gerade durch Blogs. Besonders erstaunt bin ich über das Bild in Pécsi Dzsámi mit der Moschee, wahnsinn. Viele Grüße Max

  • weh meint:

    Ich suche einen Jakobsweg von Pecs (H) möglichst an der donau entlang.

    Gibt es dann auch Steckmücken im Frühsommer?

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